1957 nach einem Entwurf des belgischen Künstlers Alexandre Noskoff (1911-1979) als Werbung für die Bremer Zigarettenfabrik Martin Brinkmann AG geschaffen. Das aufwändige, mehr als 20 Meter breite Mosaik mit dem Namen "Aufbruch" zeigt Szenen aus der Tabakproduktion, der Verschiffung sowie der Verarbeitung. Es ist Ausdruck der finanziellen Stärke des Brinkmann-Konzerns in dieser Zeit, denn zwischen 1950 und 1963 stieg der Zigarettenkonsum in Westdeutschland weit über das Vorkriegsniveau.
Der bis 2021 in Bremen ansässige Brinkmann-Konzern war für seine Tabakimporte aus verschiedenen Ländern Asiens, Amerikas und Arabiens bekannt und gehörte seit Ende des 19. Jahrhunderts zu den bedeutendsten Tabakproduzenten Europas. Im Zweiten Weltkrieg verlor der Konzern seine überseeischen Handelsbeziehungen. Stattdessen beteiligte er sich an der Ausbeutung der Tabakanbaugebiete in der von der Wehrmacht besetzten Sowjetunion sowie am massiven Einsatz von Zwangsarbeit.
Die Schmuckfliesen illustrieren, wie der Tabak aus Sumatra, Mazedonien, Nord- und Südamerika nach Bremen gelangte. Die eigentliche Werbung für die mit damals mehr als 6.000 Mitarbeitenden größte Tabakfabrik auf dem europäischen Kontinent ist auf einen dezenten Schriftzug beschränkt. Das Wandbild wurde vergleichbar einem Triptychon konzipiert: Die äußeren Bereiche stellen einzelne Tabakanbaugebiete in Übersee dar. Der linke Bildteil zeigt in idealisierter, stereotyper Form einen vermutlich chinesischen Lohnarbeiter auf Sumatra, der über seinen Schultern an einen Stab gebündelte Tabakblätter trägt. Neben ihm sitzt eine Tabakarbeiterin vor einem Säulenkapitell in Mazedonien. Sie zieht kleine Tabakblätter von einem Stab und begutachtet ihre Trocknung, bevor sie in einem Korb von einem Esel weitertransportiert werden. Im rechten Bildteil ist eine große, blühende Virginia-Tabakpflanze neben einem afroamerikanischen Plantagenarbeiter dargestellt, der ein Tabakblatt zur Qualitätsprüfung hält. Der Raddampfer verweist auf ein Anbaugebiet in den Südstaaten der USA. Die sinnbildliche Darstellung einer südamerikanischen Gottheit mit Kopf- und Ohrschmuck, Federkrone und gedrehter Rauchrolle verweist zudem auf die Anfänge des Tabakanbaus in Amerika.
Im großen Mittelbild leitet ein Segelschiff zur Ankunft im "Heimathafen" über: die Hansestadt Bremen mit den Stadtmusikanten und den architektonischen Wahrzeichen. Von einem Stückgutfrachter wird der Tabak durch drei Halbportalkräne auf Schienen direkt in backsteinsichtige Lagerhallen transportiert. Links im Bildvordergrund, zwischen Virginia-Tabakfass und einem geschnürten Tabakpaket aus Indonesien, hebt ein Pfeife rauchender Matrose eine große, bunt gefasste Maske empor. Ein Artikel im "Tabakblatt" der Brinkmann AG (Heft 1/1958) beschreibt sie als "afrikanische Maske".
Das Mosaik ist in der Steingutfabrik Grünstadt aus farbigen Majolika-Schmuckfliesen gefertigt worden und war damals eines der weltweit größten keramischen Mosaike. Seit den 1960er Jahren war es durch eine Putzschicht und von Leuchtreklame verborgen und erst bei Sanierungsarbeiten um 2000 wiederentdeckt worden. Nach der Freilegung wurde der Denkmalwert des Mosaiks aufgrund des künstlerischen Entwurfes, der qualitativ hochwertigen Herstellung und Umsetzung sowie seines besonderen Dokumentationswerts für die Geschichte Bremens, die eng mit dem Tabakhandel verbunden ist, offensichtlich. Obwohl die Beseitigung des Mosaiks bereits beschlossen war, konnte es erhalten, als Bestandteil des Baudenkmals Bahnhof geschützt und restauriert werden.
Der Künstler Alexandre Noskoff wurde am 29. August 1911 in St. Petersburg geboren. 1917 flüchtete er mit seiner Familie aus Russland und gelangte als einziges Familienmitglied nach Frankreich, während der Vater zunächst in Berlin, die Mutter in London und die Schwester in Belgien lebten. Alexandre besuchte von 1924 bis 1929 das Gymnasium in Turnai in Belgien, arbeitete anschließend als Zeichner in einer Fabrik in einem Brüsseler Vorort und begann 1932 in Turnai an der Akademie der Schönen Künste sowie am Institut für Kunstgeschichte und Archäologie zu studieren. Parallel arbeitete er für die Druckerei J. Dutrieu et Co. in Turnai und für das Unternehmen Flamencourt in Brüssel. Infolge einer Erkrankung zog er 1933 zu seinen Eltern nach Berlin. Er verbrachte ein Jahr im Sanatorium und trat anschließend der Berliner Akademie der Künste bei. Eine andere Quelle berichtet davon, dass Noskoff wohl auch unter Cesar Klein (1876-1954) studierte. Klein lehrte in Berlin Wand- und Deckenmalerei und widmete sich in seinen Werken insbesondere auch den Mosaiken. Stilistisch könnten hier Einflüsse auch auf das Bremer Wandbild angenommen werden. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Noskoff interniert und verbrachte einige Zeit im Gefängnis. In den Jahren 1940-1943 war er im "Deutschen Verlag" in Berlin beschäftigt, führte eine Reihe von Wandmalereien aus und war anschließend in Wien als Keramikmaler tätig. 1946 lebte er in München und arbeitete mit amerikanischen und deutschen Jugendzeitungen zusammen, bevor er 1949 nach Belgien zurückkehrte und in der Spielzeugfabrik Unica in Courtrai angestellt war. In den frühen 1950er-Jahren arbeitete Noskoff mit der Jugendabteilung des Belgischen Roten Kreuzes zusammen, für die er eine Reihe von Plakaten und Kalendern anfertigte. In den 1950er- und 1960er-Jahren war er dann als festangestellter Künstler für die Brüsseler Tageszeitung Le Soir (Der Abend) beschäftigt und als Illustrator tätig. Anhand der strahlenden Farben der Illustrationen Noskoffs können Bezüge zum Bremer Mosaik hergestellt werden.
Die für die 1950er Jahre typische Bildsprache, die Noskoff im Auftrag der Martin Brinkmann AG verwandte, verweist auf die ungebrochene Kontinuität kolonialer und rassistischer Denkmuster in der frühen Bundesrepublik. Die realen Arbeits- und Produktionsbedingungen auf den Tabakplantagen weichen einer idealisierten, europäischen Vorstellung, in der vor allem das mit diesen Bildern verknüpfte "Fremde" und "exotisch" Wirkende versinnbildlicht wurde, das seit der Aufklärung als Gegenbild zur europäischen Vernunft und kulturellen Überlegenheit gilt. Die Darstellungen auf dem Mosaik im Bremer Bahnhof sind zeittypisch bei Werbung für Kaffee, Tee und Schokolade dieser Jahre. Sie wurden auch von vielen weiteren Firmen verwandt, die in dieser Zeit Produkte aus fernen Herkunftsländern verkauften. Sie trugen so dazu bei, koloniale und rassistische Stereotype zu erhalten. Heute wird diese Darstellung zurecht kritisch hinterfragt. Bereits seit 2017 ist das Mosaik Teil von kolonialkritischen Stadtführungen, die Debatten anstoßen, auf Verflechtungen hinweisen und dafür sorgen, dass Geschichte auch aus der Sicht der Betroffenen von Kolonialpolitik erzählt wird.
Text: Landesamt für Denkmalpflege, Staatsarchiv Bremen, Focke-Museum, Landeszentrale für politische Bildung.
Wissenschaftlicher Aufsatz zum Wandmosaik im Bremer Hauptbahnhof von Marianne Ricci (M.A., M.Sc.), Landesamt für Denkmalpflege Bremen (pdf, 1.7 MB) (nicht barrierefrei)